Begriffe, die im Heilraum Wirschaffen eine bestimmte Bedeutung tragen — oft eine andere als im Alltag. Manche sind Neologismen: bewusst neu geprägte Wörter für Wirklichkeiten, die bisher keinen eigenen Namen hatten.
I. Eigene Neologismen
Plurakonomie
Aus Esperanto plura (vielfach) + Ökonomie. Oberbegriff für die Vielfalt wirtschaftlicher Logiken — Monakonomie, Vivakonomie und Donakonomie — die immer gleichzeitig und nebeneinander wirken. Plurakonomie ist kein System, sondern ein Sehwerkzeug. Gegenbegriff: Geldismus.
Monakonomie
Aus Esperanto mono (Geld, einzig) + Ökonomie. Die herrschende Wirtschaftslogik: ein einziger Maßstab — der Preis — für alles. Kontextfrei, normgebunden, erzeugt strukturell Müll. Herrschaft und Wachstumszwang gehören nicht zur Logik, sondern zur Epoche des Geldismus.
Vivakonomie
Aus Esperanto viva (lebendig) + Ökonomie. Wirtschaften durch Vereinbarung und Beziehung. Was eine Leistung wert ist, entscheiden die Beteiligten selbst — im Kontext, nicht am Marktpreis. Wertbegriff: Geltung. Beispiele: Tauschringe, Regionalgeld, Zeitbanken, Mutual Credit.
Donakonomie
Aus Esperanto dono (Gabe) + Ökonomie. Wirtschaften nach Gabenlogik: geben – empfangen – erwidern, ohne Äquivalenz, zeitlich offen. Wertbegriff: Zugehörigkeit. Bezug: Marcel Mauss. Beispiele: Fürsorge, Ehrenamt, Open Source, Nachbarschaftshilfe.
Geldismus
Epochenbegriff. Geld braucht kein Kapital mehr, um sich zu vermehren — Geld ist selbst das Ordnungsprinzip geworden. Epoche nach dem Kapitalismus (Epochenbruch: Nixons Goldstandard-Abbruch 1971). -ismus markiert den Epochenbruch, nicht nur einen Zustand. Gegenbegriff: Plurakonomie.
Geldbewusstsein
Nicht Ablehnung von Geld, sondern Unterscheidungsvermögen: Den Geldrahmen wahrnehmen, damit Wahl möglich wird. Wer drei Logiken sieht, kann wählen, welche im jeweiligen Kontext trägt.
Geltung
Wertbegriff der Vivakonomie. Was eine Leistung wert ist, gilt im Kontext der Vereinbarung — nicht universell, nicht kontextfrei. Komplementum: Nicht-Geltung. Gegenstück zu Preis (Monakonomie) und Zugehörigkeit (Donakonomie).
Preis
Wertbegriff der Monakonomie. Abstrakt, fungibel, kontextfrei — ein Euro ist überall ein Euro. Komplementum: Müll.
Zugehörigkeit
Wertbegriff der Donakonomie. Zirkulationsgetragen, spiralförmig — wer gibt, gehört dazu; wer nicht gibt, driftet ab. Komplementum: Abdrift.
Abdrift
Komplementum zu Zugehörigkeit. Lautloses Herausdriften aus dem Gabenstrom durch Nicht-Teilnahme. Kein Urteil, keine Strafe — natürliche Konsequenz der Donakonomie-Logik.
Wahrgebung
Aktives Zurückspiegeln des Wahrgenommenen — an Menschen, an alles was ist. Nicht Meinung oder Analyse, sondern Synchronisation. Gegenpol zu bloßer Wahrnehmung. Zusammen: Wahrsein.
Stille Stufenleiter
Unbewusstes Gleiten zwischen Wirtschaftslogiken ohne markierten Übergang: Vorratshaltung → Sparen → Investieren → Spekulation. Individuell erlebt, spiegelt gesellschaftliche Bewegung über Jahrhunderte.
II. Wirtschafts- und Geldbegriffe
Äquivalententausch
Ich gebe etwas, erhalte sofort etwas nach Geld gemessen Gleichwertiges zurück. Basis der Monakonomie. Unterscheidet sich grundlegend von Gabenzirkulation.
Gabenzirkulation
Geben – Empfangen – Erwidern ohne Äquivalenz. Nach Marcel Mauss die älteste Wirtschaftsform. Kein direkter Rückfluss, kein messbares Gleichgewicht. Grundprinzip der Donakonomie.
Gabe
„Totale soziale Tatsache" (Marcel Mauss): Die Gabe verbindet ökonomische, soziale, religiöse und rechtliche Dimensionen. Drei Bewegungen: geben, empfangen, erwidern. Kann nicht auf eine Sphäre reduziert werden.
Mutual Credit
Gegenseitiger Kredit. System, in dem Liquidität im Akt der Vereinbarung entsteht — nicht durch externe Ausgabe, nicht durch Kapitalvorrat. Vivakonomie in ihrer reinsten Form.
C3-Netzwerk
Commercial Credit Circuit. Laufendes Vivakonomie-System in Brasilien: kleine und mittlere Unternehmen schaffen Liquidität ohne konventionelles Geld durch gegenseitig akzeptierte Gutschriften.
LETS
Local Exchange Trading System. Lokales Handelssystem ohne staatliches Geld, mit lokaler Verrechnungseinheit. Gegenseitige Buchführung statt Bargeld. Vivakonomie-Praxis.
Fureai Kippu
Japanische Zeitbank für Altenpflege. „Ticket für fürsorgliche Beziehung." Zeitgutschriften kombiniert mit Geldvergütung. Gegründet 1973 von Teruko Mizushima in Osaka.
Tauschring
Lokale, organisierte Verrechnungssysteme für Austausch ohne staatliches Geld. Der Name ist eine Fehlbenennung: Was dort passiert, ist keine Tausch-Logik, sondern Vivakonomie.
Tausch
Im Kontext der Plurakonomie: bilateral, synchron, äquivalent — das ist Monakonomie. „Tauschring" und „Gabentausch" sind daher Fehlbenennungen: Sie bringen Marktlogik in Kontexte, die eigentlich Vivakonomie oder Donakonomie sind.
Komplementärwährung
Oberbegriff für alternative oder ergänzende Währungen zum staatlichen Geld: Regionalgeld, Zeitwährungen, Mutual-Credit-Systeme.
Regionalgeld
Lokale Währung, die Wertschöpfung in einer Region bindet und den Geldabfluss reduziert. Vivakonomie-Instrument.
Zeitbank
System, in dem Zeit statt Geld die Basiseinheit ist. 1 Stunde = 1 Einheit, unabhängig von Art und Qualifikation der Arbeit.
Commitment Pooling
Bündelung individueller Verpflichtungen für gemeinschaftlichen Austausch. Formalisiert älteste Praktiken gegenseitiger Unterstützung (ROLA-Traditionen). Konzept von William O. Ruddick.
Credit Commons
Commons-basierte Kreditvergabesysteme. Gegenseitigkeit ohne zentrale Bank. Konzept von Matthew Slater und Tim Jenkin.
Müll
Nicht Stoff, sondern Urteil. Das Urteil der Monakonomie über das, was keinen Preis hat. Begriffliches Komplement des Gewinns — nicht Fehler, sondern strukturelle Konsequenz der Logik.
Gewinn
Differenzoperation: mehr heraus als hinein. Erzeugt strukturell sein begriffliches Komplement: Müll.
Wachstumszwang
Strukturelle Folge des Zinssystems: Geld muss wachsen, also muss die Wirtschaft wachsen. Nicht Naturgesetz, sondern Systemlogik der Monakonomie.
Finanzialisierung
Durchdringung aller Lebensbereiche durch Finanzlogik. Realwirtschaft wird zum Anhängsel der Finanzwirtschaft.
III. Philosophische & analytische Begriffe
Homonym
Ein Wort für grundverschiedene soziale Wirklichkeiten. Beispiele: Geld, Wert, Tausch, Schuld, Kredit, Arbeit, Sparen. Die sprachliche Vereinheitlichung erzeugt Kontextblindheit — wir reden aneinander vorbei, ohne es zu merken.
Denkform
Unbewusst geerbtes Muster, durch das Wirklichkeit wahrgenommen wird. Nicht bewusst eingesetztes Werkzeug, sondern die Brille, durch die wir schauen — und die sich selbst nicht sieht.
Externalitäten
Kosten, die im Preis nicht erscheinen. Werden ausgelagert an Natur, Gesellschaft, Zukunft. Müll als strukturelle Externalität der Monakonomie.
Erfolg als Wahrheitskriterium
Stille Verschiebung: finanzieller Erfolg wird nicht nur Maßstab des Gelingens, sondern epistemisches Kriterium der Richtigkeit. Das System begründet sich selbst.
Zirkularität des Urteils
Finanzieller Erfolg ist Recht; Scheitern ist Irrtum. Kriterium und Urteil sind identisch.
Totale soziale Tatsache
Begriff von Marcel Mauss: Die Gabe verbindet ökonomische, soziale, religiöse, rechtliche Dimensionen gleichzeitig. Kann nicht auf eine Sphäre reduziert werden.
Zeitstruktur der Gabe
Pierre Bourdieu: Das Intervall zwischen Gabe und Gegengabe ist konstitutiv. Ohne Zeitverzögerung kollabiert die Gabe in Tausch.
Soziale Praktiken
Nach Schatzki/Wittgenstein: Handlungen sind eingebettet in Praktiken — nicht individuelle Entscheidungen, sondern Weiterführung von Routinen. Grundlage für das Verständnis wirtschaftlichen Handelns jenseits des rationalen Akteurs.
IV. Epochen & historische Begriffe
Hauswirtschaft Epoche
Älteste Wirtschaftsweise: Subsistenz, familiale Reproduktion, Gemeinschaftspflege. Aristoteles: oikonomia — Haushaltsführung eingebettet in Gemeinschaft und Natur. Nicht verschwunden, sondern unsichtbar gemacht.
Kapitalwirtschaft Epoche
Wer die Produktionsmittel besitzt, bestimmt die Bedingungen. Wer sie nicht besitzt, verkauft seine Arbeitskraft. Geld ist Mittel des Kapitals — es arbeitet, wächst, zieht an sich.
Kapitalismus Epochenbegriff
Epoche: Geld ist Mittel des Kapitals. Kapital braucht Geld zur Reproduktion. Abgelöst durch Geldismus (Epochenbruch 1971).
Epochenbruch 1971
Nixon löst den Dollar vom Goldstandard. Geld verliert seinen externen Wertanker und wird selbst zum Ordnungsprinzip. Übergang Kapitalismus → Geldismus.
Informationswirtschaft Epoche
Monakonomie mit neuem Rohstoff: Daten statt Kapital. Plattformen ersetzen Fabriken. Aufmerksamkeit wird zur Ware. Verhaltensvorhersagen sind das Produkt (Zuboff: Überwachungskapitalismus). Keine neue Epoche — die Monakonomie in ihrer bisher radikalsten Form.
Wirtschaftssphären
Drei strukturelle Ebenen: Hauswirtschaft / Marktwirtschaft / Finanzwirtschaft — alle gleichzeitig aktiv, alle durchdrungen von allen drei Logiken der Plurakonomie.
Forschungsfrage
Was kommt nach der Informationswirtschaft? Nicht: Welches System kommt als nächstes? — Sondern: Welche Wirtschaftsweisen waren immer schon da, und wie schaffen wir die Bedingungen, unter denen sie sichtbar werden und gedeihen können? Plurakonomie ist das Werkzeug — nicht die Antwort.